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Forschung  · 16 min read

INTERACT: Software für videobasierte Verhaltensbeobachtung und Codierung

Wie INTERACT das zentrale Problem der videobasierten Verhaltensbeobachtung löst: präzise Zeitstempel, überlappende Events, iterative Analyse und Integration physiologischer Daten – methodisch begründet.

Wie INTERACT das zentrale Problem der videobasierten Verhaltensbeobachtung löst: präzise Zeitstempel, überlappende Events, iterative Analyse und Integration physiologischer Daten – methodisch begründet.

Mangold INTERACT: Videobasierte Verhaltensbeobachtung auf wissenschaftlichem Niveau

Bei der videogestützter Verhaltensbeobachtung beginnt eigentliche Herausforderung beginnt nicht vor der Kamera, sondern danach. Was in der Realität als kontinuierlicher Fluss von Aktionen, Reaktionen und Gleichzeitigkeiten abläuft, muss in eine Datenstruktur überführt werden, die spätere Analyse ermöglicht – ohne den zeitlichen Zusammenhang zu zerstören, der den Kern der Erkenntnisfrage ausmacht. Mangold INTERACT wurde entwickelt, um genau dieses Problem methodisch zu lösen.

Die Software ist seit über 35 Jahren in Psychologie, Pädagogik, Medizin, Arbeitswissenschaft und Ethologie im Einsatz – als 360° Forschungssoftware, die von Anfang an um die Anforderungen der Verhaltensbeobachtung herum gebaut wurde. Dieser Beitrag beschreibt, welche methodischen Entscheidungen dabei getroffen wurden und welche Konsequenzen das für den Forschungsalltag hat.

Was ist INTERACT

Im Kern ist INTERACT eine Software zur videobasierten Verhaltenscodierung und Verhaltensanalyse. Sie begleitet den Forschungsprozess von der Entwicklung des Kodierungsschemas über die eigentliche Kodierung bis zur Analyse – ohne dass Daten zwischendurch in ein anderes Programm exportiert werden müssen, vor allem solange sich die Fragestellung auf zeitliche Zusammenhänge des beobachteten Geschehens bezieht.

Konkret: INTERACT ermöglicht das zeitsynchrone Abspielen mehrerer Audio- und Videodateien, die parallele Kodierung durch mehrere Personen, berechnet Inter-Rater-Reliabilität, führt Sequenz- und Kontingenzanalysen durch und kann physiologische Messdaten, beispielsweise EEG-Signale oder Hautleitwert Messungen zeitlich mit dem Videomaterial verknüpfen. Den wichtigen zeitlichen Zusammenhang zwischen Datenpunkten, der bei einem Export in klassische Statistikprogramme verloren geht, hält INTERACT dabei intern aufrecht – das ist ein methodisches Grundprinzip und ein wesentlicher Vorteil von INTERACT.

FunktionBeschreibung
Zeitpräzision auf 100 NanosekundenHochpräzise Zeitstempel ermöglichen die exakte Zuordnung jedes Events zum Videoframe – relevant für bildgenaue Analyse schneller oder komplexer Verhaltenssequenzen.
Flexible KodierschemataKlassen, Codes, Transkriptfelder und lexikalische Ketten sind frei definierbar – von einfachen Nominalskalen bis zu rekursiv strukturierten Systemen wie FACS.
Alle gängigen Sampling-MethodenEvent-Sampling, Time-Sampling, Ad-libitum, Scan-Sampling, Focal-Sampling – auch beliebig innerhalb eines Projekts kombinierbar.
Multi-Stream-SynchronisationSimultane Kodierung mehrerer Video- und Audiodateien mit gesicherter temporaler Kohärenz aller Datenströme.
Workflow-Editor & Python-IntegrationAnalyse-Pipelines skriptbasiert automatisieren und reproduzierbar dokumentieren – auch für spezialisierte Berechnungen wie HRV aus Rohdaten.
Iterative SekundäranalyseAnalyseergebnisse werden als neue, zeitgestempelte Events zurückgeschrieben und stehen unmittelbar für Folgeanalysen zur Verfügung.

Anwendungsbereiche

Der Einsatz eines softwarebasierten Analysewerkzeugs ist bei Beobachtungsstudien grundsätzlich der Papier & Bleistift Methode vorzuziehen. Spätestens, wenn Fragestellungen der Art wann, wie lange und in welchem Zusammenhang mit anderen Verhaltensweisen ein Verhalten oder Ereignis auftritt. Beziehungsweise ob und welche Verhaltensmuster es gibt und wie die Datenqualität der Beobachtung zu bewerten ist (z. B.: Inter-Rater-Reliabilität). INTERACT wird u.a. verwendet in:

  • Entwicklungspsychologie & Pädiatrie: Mutter-Kind-Interaktionen, frühkindliche Entwicklungsstudien, Frühförderung
  • Arbeits- & Organisationspsychologie: Teamkommunikation, Führungsverhalten, Besprechungsanalyse, Motivational Interviewing
  • Klinische Forschung & Therapie: Verhaltensbeobachtung in Interventionsstudien, Schmerzforschung, psychiatrische Diagnostik
  • Ethologie & Tierverhalten: Langzeitstudien mit Time-Sampling, Verhaltensbeobachtung in natürlichen und kontrollierten Umgebungen
  • Usability & Human Factors: Mensch-Maschine-Interaktion, Eyetracking-Integration, Nutzerstudien
  • Sportwissenschaft: Bewegungsanalyse, Technikbeurteilung, taktisches Verhalten
  • Bildungsforschung: Unterrichtsbeobachtung, Lernverhalten, Interaktionsanalyse in Schulklassen

Das Datenmodell von INTERACT: Beliebige und Präzise Zeitintervalle

Die meisten Beobachtungstools arbeiten mit einer kontinuierlichen Zeitlinie: Jedes neu erfasste Ereignis markiert implizit das Ende des vorherigen. Diese Logik ist für bestimmte ethologische Studiendesigns praktisch, setzt aber voraus, dass Verhalten lückenlos und in sequenzieller Abfolge auftritt – eine Annahme, die viele Forschungsfragen nicht abbildet.

Wer schon einmal versucht hat, überlappende Verhaltenssequenzen mehrerer Personen in einer Software zu kodieren, die intern auf einer fortlaufenden Zeitlinie besteht, kennt das Problem: Das Modell erzwingt Entscheidungen, die methodisch nicht begründbar sind. INTERACT löst das durch ein anderes Grundprinzip.

Jeder erfasste Datenpunkt – intern als Ereignis / Event bezeichnet – besitzt einen expliziten Startzeitpunkt und einen expliziten Endzeitpunkt. Jedes solche Ereignis ist zeitlich unabhängig von allen anderen, kann nachträglich jederzeit geändert, für Analysen gefiltert und mit anderen Daten neu kombiniert werden. Wenn Start- und Endzeit identisch sind, entspricht das einem Momentanwert im Sinne des Momentary-Time-Sampling. Damit ist INTERACT methodenunabhängig und schreibt keine bestimmte Stichprobesystematik vor – es passt sich der Studie an, nicht umgekehrt.

Eine praktische Konsequenz dieser Art der Ereigniserfassung: Mehrere Kodierer können parallel am selben Videomaterial arbeiten. Eine Kodiererin erfasst beispielsweise die verbalen Äußerungen, ein Kollege zeitgleich die Blickrichtungen. Beide Datensätze lassen sich unabhängig voneinander exakt zeitsynchron auswerten, ohne dass eine der beiden Kodierungen die andere beeinflusst. Zur kombinierten Analyse lassen sich solche Daten einfach in einer Datei zusammenfassen, da INTERACT den zeitlichen Zusammenhang automatisch erkennt und beliebig viele zeit-parallele und überlappende Ereignisse zulässt.

INTERACT speichert Zeitstempel mit einer Präzision von 100-Nanosekunden. Dies mag akademisch erscheinen, ist jedoch praktisch von großer Bedeutung. Bei 25 Videobildern pro Sekunde (PAL-Norm) beträgt die Dauer eines Bildes 40 ms, bei 30 Bildern Pro Sekunde (NTSC Norm) hingegen 33,3333333… ms. Systeme, die Zeitstempel als Fließkommazahl in Sekunden ablegen, können relativ schnell Rundungsfehler akkumulieren, die bei statistischen Auswertungen oder der Suche nach Verhaltensmustern zu falschen Ergebnissen führen. Ein Fehler, der in den Rohdaten unsichtbar bleibt und sich erst spät bemerkbar machen kann, wenn es um valide wissenschaftliche Ergebnisse geht.

Mangold INTERACT main screen

Vom Event zur Erkenntnis: Iterative Analyse

Häufigkeit und Dauer von Codes sind ein sinnvoller Ausgangspunkt – aber die interessanten Fragen in Beobachtungsstudien beginnen meist erst danach. Was geschieht sonst noch alles, während zwei bestimmte Verhaltensweisen gleichzeitig auftreten? Wie lange dauert es, bis auf eine komplexe Handlung eine Reaktion folgt? Verändert sich diese Latenz im Verlauf einer Therapie oder eines Lernprozesses? Solche Fragen betreffen die zeitliche Struktur von Verhalten, nicht nur dessen bloße Häufigkeit.

INTERACT adressiert das durch ein iteratives Analyseprinzip: Ergebnisse eines Analyseschritts – etwa identifizierte Co-occurrence-Intervalle – werden als neue, zeitgestempelte Events in die Datenbasis zurückgeschrieben. Diese sekundären Events stehen unmittelbar für Folgeanalysen zur Verfügung. Man kann also fragen, was innerhalb der gefundenen Kontingenzintervalle noch passiert, dieses Ergebnis wiederum als Grundlage einer nächsten Auswertung nutzen, und so weiter. Der zeitliche Zusammenhang bleibt in jedem Schritt erhalten.

AnalysefunktionBeschreibung
Co-occurrence-AnalyseIdentifikation gleichzeitig auftretender Codes; zeitlicher Abstand zwischen Code A und Code B
SequenzanalyseLag-Sequential Analysis sowie Mustersuche über frei definierbare Code-Kombinationen
KontingenzanalyseFlexibel definierbare Kontingenzfenster; Extraktion und Folgeanalyse der enthaltenen Code-Abschnitte
State-Space-GridsVisualisierung dynamischer Verhaltensverläufe als räumliche Zustandsgitter (nach Hollenstein)
Inter-Rater-ReliabilitätBerechnung auf Basis echter Code-Überlappungen, unabhängig von Intervallgrenzen
Timeline-VisualisierungInteraktive Zeitlinien, Chord-Diagramme, Häufigkeitsdiagramme – direkt in der Software
Python-IntegrationEigene Skripte im Workflow-Editor einbinden – für spezialisierte Berechnungen und Datenmanipulationen

Ein konkretes Beispiel: „Wie lange dauert es nach dem gleichzeitigen Auftreten von Blickkontakt und vokaler Äußerung bei Person A, bis Person B eine Kontaktaufnahme initiiert – und verändert sich diese Latenz im Therapieverlauf?” Diese Frage setzt voraus, dass Co-occurrences identifiziert, in Zeitintervalle übersetzt und anschließend als Kontext für eine Folgeanalyse genutzt werden können. Mit case-orientierten Statistikprogrammen ist das kaum zu formulieren, weil diese den zeitlichen Zusammenhang zwischen Datenpunkten beim Export üblicherweise nicht erhalten.

„INTERACT has revolutionized our approach to data analysis, ensuring precision and real-time adaptability.” Heather Henderson, Prof. Ph.D.,University of Waterloo, Canada

Mangold INTERACT Timeline Chart

Kodierschemata: Struktur als Voraussetzung für Reliabilität

Ein gut konstruiertes Kodierungsschema ist keine Formalität – es entscheidet darüber, welche Forschungsfragen am Ende mit den erhobenen Daten beantwortet werden können. INTERACT unterstützt die Entwicklung und Anwendung solcher Schemata von einfachen Nominalklassen bis zu hierarchisch verschachtelten oder rekursiv verknüpften Kodiersystemen. Das Grundprinzip: Codes sind operationale Verhaltenseinheiten, die genau einen Sachverhalt beschreiben und sich damit gegenseitig ausschließen (z.B. “Augen offen”, “Augen geschlossen” / oder “Zeigen”, “Greifen”, “Schreiben”). Klassen fassen thematisch zusammengehörige Codes zusammen (z.B. “Gestik”, “Mimik”, “Ausdrucksform”, “Emotion”).

Das Konzept der lexikalischen Ketten ist für die effiziente und effektive Kodierung besonders interessant: Codes aus mehreren Klassen werden während der Eingabe zu Sequenzen kombiniert, ohne dass jede mögliche Kombination vorab definiert sein muss. Das reduziert die kognitive Last für die kodierenden Personen erheblich – und damit auch die Fehlerrate. Das Facial Action Coding System (FACS) beispielsweise, das in der Mimikanalyse über sehr viele Kombinationen aus Muskel, Bewegungsrichtung und Intensität kennt, lässt sich in INTERACT über drei rekursive Klassen vollständig abbilden, ohne dass die Kodierperson Hunderte von Einzelcodes im Kopf behalten muss. Beim lexikalischen Kodieren vergibt die kodierende Person einfach die aktuell gewünschten Werte Muskel - Bewegung - Intensität in dieser Reihenfolge und kann damit sehr schnell und leicht komplexe Kodierungen vornehmen.

Dass Codes mit konkreten Verhaltensmerkmalen beschrieben sein sollten – und nicht mit numerischen Kürzeln, die im Zweifelsfall eine Transferleistung erfordern – klingt selbstverständlich, wird in der Praxis aber häufig vernachlässigt. INTERACT macht es einfach, Codes mit konkreten Begriffen zu definieren (z.B. “Freundlich”, “hebt Hand”, “Offene Frage” anstatt “FR”, “HH”, “2” o.ä.). Das erleichtet das Erlernen (Rater-Training) und die praktische Anwendung erheblich. Allen solchen deskriptiven Codes können einfach beliebige Kürzel oder Zahlen zugewiesen werden, so dass die deskriptiven Codes beim Datenexport automatisch in die gewünschten Kürzel umgewandelt werden, falls nötig.

Mangold INTERACT State Space Grid

Integration in den Forschungsworkflow

Verhaltensbeobachtung liefert selten in sich geschlossene Daten – häufig soll das Kodierungsergebnis mit physiologischen Messwerten, Eyetracking-Daten , EEG-Signalen oder Hautleitwiderstandswerten in Bezug gesetzt werden. In INTERACT lassen sich solche externe Datenquellen zeitlich mit dem Videomaterial verknüpfen, sodass Verhaltenssequenzen und Biosignale auf derselben Zeitachse analysiert werden können.

Für wiederkehrende Analyseprozesse bietet der Workflow-Editor die Möglichkeit, komplexe Analyseabläufe zu konfigurieren und zu automatisieren. Einzelne Schritte – Datenselektion, Transformation, Analyse, Export – werden als Knoten definiert und können mit Python-Skripten erweitert werden. Das Ergebnis sind reproduzierbare, dokumentierte Abläufe, die allen Projektmitgliedern automatisch zur Verfügung stehe. Gerade in Multi-Site-Studien und bei der Vorbereitung auf Replizierbarkeit ist das mehr als nur ein Komfort, sondern eine methodische Notwendigkeit.

Zur Wahl der richtigen Software

Welche Beobachtungssoftware für ein Projekt geeignet ist, hängt von der Datenstruktur ab, die das Studiendesign erfordert. Software, die auf dem kontinuierlichen Zeitlinien-Paradigma aufbaut, funktioniert gut für Designs, in denen lückenlose, nicht-überlappende Zustandssequenzen das Verhalten beschreiben. Wo Parallelkodierung, überlappende Codes, nicht-chronologische Erfassung oder die Rückführung von Analyseergebnissen in die Datenbasis erforderlich sind, stoßen solche Modelle an strukturelle Grenzen.

Die sinnvollste Frage vor Projektbeginn lautet daher nicht „Welche Software ist am verbreitetsten?”, sondern: Welche Datenstruktur und Erfassungsmethode bildet die Forschungsfrage am genauesten ab – und welche Analysen sollen ohne Datenexport und Informationsverlust durchführbar sein? Diese Entscheidung im Nachhinein zu korrigieren, ist erfahrungsgemäß aufwändig.

“Our experience with INTERACT was excellent. The software is friendly, intuitive to use, gives precise results and supports comprehensive behavioral pattern analysis.” Ruth Feldman, Prof. Ph.D., Best Female Scientist 2022, Expertscape World Expert, Herzlia Israel

Mangold INTERACT Workflow Editor

Einsatz in Forschung und Lehre

INTERACT ist in einer Reihe von Standardwerken zur Verhaltensbeobachtung und Gruppeninteraktionsforschung dokumentiert, darunter im Cambridge Handbook of Group Interaction Analysis (Glüer & Boos, 2018). Die Software findet sich als Erhebungsinstrument in peer-reviewed Publikationen aus Entwicklungspsychologie, Organisationspsychologie, klinischer Forschung und Ethologie – ein Beleg dafür, dass das Datenmodell tatsächlich disziplinübergreifend funktioniert, nicht nur in der Theorie.

Mangold International stellt Dokumentation, Video-Tutorials und technischen Support bereit.

INTERACT: Die 360° Software für Ihren gesamten Forschungs-Workflow

Von der Audio/Video-Inhaltskodierung und Transkription bis zur Analyse bietet INTERACT alles in einem Tool.

Mangold INTERACT video coding on a MacBook

FAQ: Mangold INTERACT – Verhaltensbeobachtung und Videoanalyse

Häufig gestellte Fragen zur Software, ihrem Datenmodell und ihrer Anwendung in der wissenschaftlichen Forschung

Was ist Mangold INTERACT und wofür wird die Software verwendet?

Mangold INTERACT ist eine Software zur videobasierten Verhaltenscodierung und Verhaltensanalyse, die speziell für wissenschaftliche Beobachtungsstudien entwickelt wurde. Sie wird eingesetzt, um Verhalten in Audio- und Videoaufzeichnungen systematisch zu kodieren, zeitlich zu verorten und anschließend statistisch auszuwerten. Im Unterschied zu allgemeinen Videotools oder Statistikprogrammen hält INTERACT den zeitlichen Zusammenhang zwischen Datenpunkten über alle Analyseschritte hinweg aufrecht – eine Voraussetzung für Sequenz-, Kontingenz- und Co-occurrence-Analysen. Die Software ist seit über 35 Jahren in Psychologie, Pädagogik, Medizin, Ethologie und Arbeitswissenschaft im Einsatz.

In welchen Forschungsdisziplinen wird INTERACT eingesetzt?

INTERACT wird disziplinübergreifend überall dort verwendet, wo das zeitliche Auftreten, die Dauer und die Abfolge von Verhaltensweisen Gegenstand der Analyse sind. Dokumentierte Einsatzfelder umfassen Entwicklungspsychologie und Pädiatrie (Mutter-Kind-Interaktionen, Frühförderung), Arbeits- und Organisationspsychologie (Teamkommunikation, Besprechungsanalyse, Motivational Interviewing), klinische Forschung und Therapie (Interventionsstudien, Schmerzforschung, psychiatrische Diagnostik), Ethologie und Tierverhalten, Usability- und Human-Factors-Forschung, Sportwissenschaft sowie Bildungsforschung. Die Software ist im Cambridge Handbook of Group Interaction Analysis (Glüer & Boos, 2018) als Werkzeug für Gruppeninteraktionsforschung dokumentiert.

Wie unterscheidet sich INTERACT von anderen Beobachtungstools?

Die meisten Beobachtungstools arbeiten mit einer kontinuierlichen Zeitlinie, bei der jedes neu erfasste Event implizit das Ende des vorherigen markiert. INTERACT verwendet ein anderes Grundprinzip: Jeder Datenpunkt – intern als Event bezeichnet – hat einen expliziten Startzeitpunkt und einen expliziten Endzeitpunkt und ist zeitlich unabhängig von allen anderen Events. Das erlaubt überlappende Codes, nicht-chronologische Erfassung und die parallele Arbeit mehrerer Kodierer am selben Material. Zudem können Analyseergebnisse als neue, zeitgestempelte Events in die Datenbasis zurückgeschrieben und in Folgeanalysen weiterverwendet werden – ohne den zeitlichen Zusammenhang zu verlieren, der bei einem Export in klassische Statistikprogramme typischerweise verloren geht.

Welche Sampling-Methoden unterstützt INTERACT?

INTERACT unterstützt alle gängigen Stichprobenmethoden der Verhaltensbeobachtung: Event-Sampling, Time-Sampling, Ad-libitum-Sampling, Scan-Sampling und Focal-Sampling. Da das Datenmodell keine bestimmte Methode vorschreibt, können diese Verfahren innerhalb desselben Projekts kombiniert werden. Wenn Start- und Endzeit eines Events identisch sind, entspricht das automatisch einem Momentanwert im Sinne des Momentary-Time-Sampling. Die Wahl der Methode liegt vollständig beim Forschungsteam – die Software erzwingt kein bestimmtes Erhebungsparadigma.

Kann INTERACT mehrere Video- und Audiodateien gleichzeitig verarbeiten?

Ja. INTERACT ermöglicht die simultane Kodierung mehrerer Audio- und Videostreams bei gesicherter temporaler Kohärenz aller Streams. Das bedeutet, dass Kamerawinkel, Mikrofone und weitere Aufnahmequellen synchron abgespielt und kodiert werden können, ohne dass der zeitliche Bezug zwischen den Streams verloren geht. Diese Funktion ist besonders relevant für Studien, in denen mehrere Personen gleichzeitig beobachtet werden oder in denen Verhaltensdaten mit physiologischen Messungen (EEG, Herzrate, Hautleitfähigkeit) oder Eyetracking-Signalen kombiniert werden sollen.

Wie genau ist INTERACT?

INTERACT speichert Zeitstempel mit einer Auflösung von 100 Nanosekunden. Das ist für die meisten Beobachtungsstudien weit mehr als nötig, wird aber relevant bei der frame-genauen Analyse von Videomaterial mit variablen Frameraten und bei der Untersuchung sehr schneller Verhaltenssequenzen – etwa Mimikanalysen, Sprecherwechsel oder neonatale Reaktionen. Bei 25 fps (PAL) beträgt die Framedauer 40 ms, bei 30 Bildern Pro Sekunde (NTSC Norm) hingegen 33,3333333… ms. Systeme, die Zeitstempel als Fließkommazahl in Sekunden ablegen, können über lange Beobachtungszeiträume Rundungsfehler akkumulieren, die in den Rohdaten unsichtbar bleiben und erst bei späterer statistischer Auswertung sichtbar werden.

Was ist eine lexikalische Kette in INTERACT und wozu dient sie?

Lexikalische Ketten sind ein Konzept in INTERACT, das die Kodierung effizienter und fehlerresistenter macht. Statt jede mögliche Kombination aus mehreren Codes vorab als Einzelcode definieren zu müssen, werden Codes aus verschiedenen Klassen während der Eingabe dynamisch zu Sequenzen kombiniert. Das reduziert die kognitive Last für kodierende Personen erheblich und damit auch die Fehlerrate. Ein Beispiel: Das Facial Action Coding System (FACS), das über hundert Kombinationen aus Muskel, Bewegungsrichtung und Intensität kennt, lässt sich in INTERACT über drei rekursive Klassen – Action Unit, Intensity, Laterality – vollständig abbilden, ohne dass Hunderte von Einzelcodes memoriert werden müssen.

Wie funktioniert die iterative Sekundäranalyse in INTERACT?

Die iterative Sekundäranalyse ist ein zentrales Analyseprinzip in INTERACT: Ergebnisse eines Analyseschritts – etwa identifizierte Co-occurrence- oder Kontingenzintervalle – werden als neue, zeitgestempelte Events in die Datenbasis zurückgeschrieben. Diese sekundären Events stehen unmittelbar für weitere Analyseschritte zur Verfügung. Man kann also fragen, was innerhalb der gefundenen Intervalle noch geschieht, dieses Ergebnis wiederum als Eingabe für einen nächsten Analyseschritt nutzen und so weiter – ohne die Daten zu exportieren und den zeitlichen Zusammenhang zu verlieren. Das ermöglicht die Untersuchung von Fragestellungen, die mit case-orientierten Statistikprogrammen wie SPSS oder R kaum formulierbar sind.

Welche Analysefunktionen sind in INTERACT verfügbar?

INTERACT bietet unter anderem folgende Analysefunktionen: Co-occurrence-Analyse (Identifikation gleichzeitig auftretender Codes und zeitlicher Abstände), Sequenzanalyse einschließlich Lag-Sequential Analysis, Kontingenzanalyse mit flexibel definierbaren Zeitfenstern, State-Space-Grids zur Visualisierung dynamischer Verhaltensverläufe (nach Hollenstein), Inter-Rater-Reliabilitätsberechnungen auf Basis echter Code-Überlappungen sowie verschiedene Visualisierungsformen (Zeitlinien, Chord-Diagramme, Häufigkeitsdiagramme). Darüber hinaus können eigene Python-Skripte im integrierten Workflow-Editor eingebunden werden – etwa für spezialisierte Berechnungen wie die Ableitung von Herzratenvariabilität (HRV) aus Rohdaten.

Kann INTERACT mit physiologischen Messsystemen oder Eyetracking kombiniert werden?

Ja. INTERACT ist dafür konzipiert, externe Datenquellen – darunter physiologische Messungen wie EEG, Herzrate und Hautleitfähigkeit o-ä. – zeitlich mit dem Videomaterial zu verknüpfen. Verhaltenssequenzen und Biosignale liegen dann auf derselben Zeitachse und können gemeinsam analysiert werden. Diese Integration ist besonders relevant für multimodale Forschungsfragen, bei denen Verhaltensdaten und biologische Reaktionen in zeitlichem Zusammenhang untersucht werden sollen.

Unterstützt INTERACT die Arbeit mehrerer Kodierer am selben Datenmaterial?

Ja. Da das Datenmodell von INTERACT auf expliziten, voneinander unabhängigen Zeitintervallen aufbaut, können mehrere Kodierer parallel am selben Videomaterial arbeiten und ihre Datensätze anschließend konfliktfrei zusammenführen. Eine Kodiererin erfasst etwa verbale Äußerungen, ein Kollege zeitgleich Blickrichtungen – beide Datensätze lassen sich exakt synchronisieren und gemeinsam auswerten. INTERACT berechnet auch Inter-Rater-Reliabilität auf Basis echter Code-Überlappungen, unabhängig von Intervallgrenzen.

Lässt sich INTERACT mit anderen Programmen kombinieren?

Ja. INTERACT exportiert Daten in Formate, die von R, SPSS, Python und Excel weiterverarbeitet werden können. Ebenso kann INTERACT Daten aus Excel / CSV importieren.

Kann man Abläufe in INTERACT automatisieren?

Für wiederkehrende Analyseprozesse bietet der integrierte Workflow-Editor die Möglichkeit, mehrstufige Pipelines zu konfigurieren und zu automatisieren; einzelne Schritte können mit Python-Skripten erweitert werden. Das erlaubt reproduzierbare, dokumentierte Analyseprozesse – eine Anforderung, die in Multi-Site-Studien und bei der Vorbereitung auf Replizierbarkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Für welche Art von Studiendesign ist INTERACT besonders geeignet?

INTERACT ist besonders geeignet für Studiendesigns, in denen die zeitliche Struktur von Verhalten eine zentrale Rolle spielt: also dort, wo nicht nur die Häufigkeit eines Verhaltens interessiert, sondern wann es auftritt, wie lange es andauert, mit welchen anderen Verhaltensweisen es gleichzeitig vorkommt und welche Sequenzen oder Kontingenzen sich daraus ergeben. Studiendesigns mit überlappenden Codes, paralleler Kodierung durch mehrere Personen, multimodalen Datenquellen oder iterativen Analyseabläufen profitieren besonders vom Datenmodell der Software.

Kann INTERACT für Mixed Methods Research verwendet werden?

Ja – INTERACT eignet sich gut als Werkzeug in Mixed-Methods-Designs, weil es qualitative und quantitative Daten auf derselben Zeitachse zusammenführt. Auf der qualitativen Seite erlaubt die Software die Erfassung von Transkripten, offenen Beschreibungen und kontextualisierten Beobachtungsnotizen direkt an jedem kodierten Zeitintervall. Auf der quantitativen Seite liefert sie exakte Zeitstempel, Häufigkeiten, Dauern, Sequenz- und Kontingenzstatistiken sowie Inter-Rater-Reliabilitätswerte.

Der methodische Mehrwert liegt darin, dass beide Datenschichten denselben Zeitbezug teilen: Eine qualitative Beobachtung – etwa eine Transkriptpassage oder eine offene Annotation – lässt sich direkt mit gleichzeitig erfassten quantitativen Codes verknüpfen und gemeinsam analysieren. Das ermöglicht zum Beispiel, numerisch identifizierte Auffälligkeiten (eine ungewöhnlich lange Latenz, eine gehäufte Co-occurrence) im selben Werkzeug kontextuell zu interpretieren, ohne zwischen Programmen wechseln zu müssen.

Darüber hinaus können physiologische Messdaten als weitere quantitative Schicht integriert werden – sodass Verhaltensbeobachtung, verbale Daten und biologische Reaktionen in einem einheitlichen Zeitrahmen analysiert werden können. Für Forschende, die qualitative Tiefe mit quantitativer Präzision verbinden wollen, ist diese Integration ein praktischer Vorteil gegenüber dem Einsatz separater Tools.

Ist INTERACT besser als andere Programme?

Das hängt davon ab, was “besser” bedeutet. INTERACT ist auf alle Fälle das flexibelste Softwareprogramm auf dem Markt, weil es das Editieren aller erfassten Daten jederzeit erlaubt, ohne die Integrität bzw. der zeitliche Zusammenhang der Daten von INTERACT jederzeit sichergestellt wird. So können auch Daten aus anderen Quellen einfach per Copy & Paste in INTERACT übernommen bzw ausgegeben werden (z.B. Transkripte oder Kodierdaten). Vor allem beherrscht INTERACT information mining, wodurch Antorten auf Fragen gefunden werden können, die mit klassischen deskriptiven Analysen verborgen bleiben. Da INTERACT seit über 35 Jahren weltweit in der Forschung verwendet wird, kann es als wissenschaftlich fundiertes und zuverlässiges Werkzeug angesehen werden.

Wie ist INTERACT in der wissenschaftlichen Literatur dokumentiert?

INTERACT ist in einer Reihe von Standardwerken zur Verhaltensbeobachtung und Gruppeninteraktionsforschung dokumentiert, darunter im Cambridge Handbook of Group Interaction Analysis (Glüer & Boos, 2018). Die Software findet sich zudem als Erhebungsinstrument in peer-reviewed Publikationen aus Entwicklungspsychologie, Organisationspsychologie, klinischer Forschung und Ethologie. Einige Publikationen sind hier auf der webseite zu finden [DIscover more -> research -> publications].

Wo finde ich weitere Informationen, Tutorials und Testversionen zu INTERACT?

Produktübersicht, Paketinformationen, Video-Tutorials und Zugang zur Testversion finden sich auf der Produktseite von Mangold INTERACT .

INTERACT: Die 360° Software für Ihren gesamten Forschungs-Workflow

Von der Audio/Video-Inhaltskodierung und Transkription bis zur Analyse bietet INTERACT alles in einem Tool.

Mangold INTERACT video coding on a MacBook