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Produkt  · 11 min read

Was ist Glück? Biometrie im Produktmarketing 2026: Eine wissenschaftliche Perspektive

Erfahren Sie, wie Consumer Neuroscience und biometrische Methoden wie EEG, fNIRS und EDA eingesetzt werden, um Konsumentenglück zu messen. Ein wissenschaftlich fundierter Blick auf Hedonie, Arousal-Dynamiken und ethische Grenzen im Produktmarketing.

Erfahren Sie, wie Consumer Neuroscience und biometrische Methoden wie EEG, fNIRS und EDA eingesetzt werden, um Konsumentenglück zu messen. Ein wissenschaftlich fundierter Blick auf Hedonie, Arousal-Dynamiken und ethische Grenzen im Produktmarketing.

Können wir Konsumentenglück wirklich messen? Ein Blick auf die Wissenschaft hinter dem Lächeln

Jahrzehntelang verließen sich Marktforscher auf Fragebögen, um eine scheinbar einfache Frage zu stellen: Sind Sie mit diesem Produkt glücklich? Doch menschliche Emotionen lassen sich durch retrospektive Selbstauskünfte nur unzureichend erfassen. Heute verändert das wachsende Feld der Consumer Neuroscience dieses Paradigma, indem es die physiologischen Korrelate affektiver Verarbeitung direkt misst.

Anstatt "Glück" als einzelne, vage Metrik zu behandeln, dekonstruiert die moderne Neuromarketing-Forschung diesen Begriff. Wir betrachten das Zusammenspiel von Hedonie (momentanem Vergnügen) und Eudaimonie (tieferer Sinnhaftigkeit) und kartieren, wie diese Erlebnisse spezifische neuronale Netzwerke, wie den orbitofrontalen Kortex, aktivieren.

Doch wie übersetzen Forscher diese komplexen Gehirnzustände in anwendbare Erkenntnisse? Die Antwort liegt in multimodaler Biometrie. Durch die Kombination hochauflösender Instrumente wie EEG (zur Erfassung der Annäherungsmotivation via frontaler Alpha-Asymmetrie) und fNIRS (zur Überwachung der präfrontalen Aktivierung) mit peripheren Messungen wie der elektrodermalen Aktivität (EDA) und der Analyse von Gesichtsausdrücken (FEA) können Forscher die dynamischen Schwankungen emotionaler Erregung in Echtzeit erfassen.

Aktuelle Studien zeigen, dass oft der Höhepunkt der Erregung (Peak Arousal) – und nicht ein konstanter Zustand milder Zufriedenheit – das spätere Kaufverhalten am besten vorhersagt. Dennoch bringt diese technologische Leistungsfähigkeit wichtige methodische Vorbehalte mit sich. Biometrische Marker sind Korrelate, keine direkten Beweise für subjektive Gefühle. Ihre Interpretation muss kulturelle Unterschiede sowie strenge ethische Grenzen (wie den EU AI Act) zwingend berücksichtigen.

Lesen Sie den vollständigen Artikel, um die rigorosen Methoden, die Grenzen aktueller Technologien zu erkunden und zu verstehen, wie ein evidenzbasierter Ansatz in der Biometrie Designern hilft, Konsumenten nicht nur zu vermessen, sondern Erlebnisse zu gestalten, die das menschliche Wohlbefinden aktiv fördern.

Die Neuromarketing-Branche verzeichnet ein erhebliches Wachstum und wird voraussichtlich von 1,45 Milliarden USD im Jahr 2024 auf 3,83 Milliarden USD im Jahr 2034 ansteigen [1]. Diese Expansion spiegelt das zunehmende Interesse von Unternehmen wider, über traditionelle, oft fehleranfällige Selbstauskünfte (Befragungen) hinauszugehen und affektive Reaktionen direkt zu erfassen. Konsumenten-Neurowissenschaftler nutzen biometrische Methoden, um Reaktionen auf Produkte systematisch zu analysieren. Durch die Messung neuronaler und physiologischer Indikatoren können sie tiefere, oft unbewusste Einblicke in die affektive Wahrnehmung von Konsumenten gewinnen. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Grundlagen, methodischen Ansätze und ethischen Implikationen der Operationalisierung und Messung von „Glück” im Kontext des Produktmarketings.

Was ist Consumer Neuroscience?

Consumer Neuroscience bezeichnet die Anwendung neurowissenschaftlicher Methoden (z. B. EEG, fNIRS, EDA) zur Analyse affektiver und kognitiver Reaktionen auf Marketingreize und Produkterlebnisse [2]. Das Ziel ist es, die neurobiologischen Mechanismen zu verstehen, die dem Konsumentenverhalten zugrunde liegen.

Was ist Glück wirklich? Eine multidimensionale Perspektive

Bevor Messungen durchgeführt werden können, muss das zu messende Konstrukt rigoros operationalisiert werden. In den kognitiven Neurowissenschaften und der Affektforschung wird emotionales Erleben typischerweise entlang mehrerer Dimensionen beschrieben, insbesondere Valenz (Angenehmheit vs. Unangenehmheit) und Arousal (Erregungsintensität). Glück lässt sich jedoch nicht auf einen einzelnen Punkt in diesem zweidimensionalen Raum reduzieren. Die Positive Psychologie unterscheidet konzeptionell zwischen zwei zentralen Komponenten des Wohlbefindens:

Hedonie beschreibt das Erleben von Freude, Vergnügen und momentaner Befriedigung. Dies bezieht sich auf die unmittelbare, affektive Komponente des Glücks, oft gekennzeichnet durch die Abwesenheit von Schmerz und die Anwesenheit von positivem Affekt.

Eudaimonie hingegen beschreibt ein tieferes Gefühl von Sinnhaftigkeit, Engagement und Selbstverwirklichung. Dies bezieht sich auf ein „gut gelebtes Leben”, das über momentane Vergnügungen hinausgeht und oft mit langfristigen Zielen und Werten verknüpft ist.

Empirische Studien zeigen, dass diese beiden Aspekte bei glücklichen Individuen stark überlappen. Eine umfassende Untersuchung ergab, dass hedonische und eudaimonische Motive sowohl überlappende als auch distinkte Nischen innerhalb eines vollständigen Bildes des Wohlbefindens besetzen [3]. Analysen von Umfragedaten deuten darauf hin, dass etwa 80 Prozent der Personen, die eine hohe hedonische Zufriedenheit berichten, auch ein hohes Maß an eudaimonischer Erfüllung aufweisen [4]. Dies legt nahe, dass die neurobiologischen Grundlagen der Freude ein entscheidender methodischer Zugang zum Verständnis des allgemeinen Wohlbefindens sein könnten. Es ist jedoch wissenschaftlich geboten zu betonen, dass Hedonie und Eudaimonie konzeptionell unterscheidbar bleiben und das Vorhandensein des einen nicht zwingend das andere kausal bedingt [5].

Young participant wearing NeuroPlay EEG headband in a research lab

Wie sieht Glück im Gehirn aus?

Die Vorstellung eines einzelnen, isolierten „Glückszentrums” im Gehirn gilt in der modernen Neurowissenschaft als obsolet. Stattdessen wird positives affektives Erleben durch ein verteiltes Netzwerk interagierender Hirnsysteme konstruiert. Die Forschung hat spezifische Regionen, insbesondere im präfrontalen Kortex, identifiziert, die an der hedonischen Verarbeitung maßgeblich beteiligt sind [6].

HirnregionAssoziierte Funktion in der hedonischen Verarbeitung
Orbitofrontaler Kortex (OFC)Kodierung von subjektiver Belohnung und Angenehmheit von Reizen [6]
FrontalpolAufrechterhaltung eines anhaltenden hedonischen Tonus, z. B. beim Genuss von Nahrung oder Musik
Medialer präfrontaler KortexVerarbeitung von Zufriedenheit und selbstbezogener Evaluation
Dorsolateraler präfrontaler KortexKognitive Modulation und evaluative Kontrolle von Emotionen

Vergnügen wird im Gehirn nicht als einzelnes, uniformes Signal gemessen, sondern als komplexes Zusammenspiel von sensorischer Verarbeitung, emotionaler Beteiligung und evaluativer Beurteilung. Bemerkenswerterweise zeigen neurowissenschaftliche Studien, dass höhere, abstraktere Freuden (wie soziale Anerkennung oder ästhetischer Genuss) teilweise dieselben fundamentalen hedonischen Schaltkreise rekrutieren wie primäre sensorische Freuden (wie Nahrung) [6]. Dies macht diese Netzwerke zu einem wertvollen und validen Untersuchungsgegenstand für die Consumer Neuroscience.

Doctor analyzing brain MRI scans on a lightbox

Wie kann Glück gemessen werden? Die Werkzeuge der Consumer Neuroscience

Die Consumer Neuroscience misst nicht „Glück” als abstraktes Konzept an sich, sondern vielmehr die neurophysiologischen Indikatoren, die empirisch mit affektiver Verarbeitung korrelieren. Der methodische Schlüssel liegt in einem multimodalen Ansatz, der verschiedene physiologische Datenströme kombiniert, um ein ganzheitlicheres und reliableres Bild zu erhalten.

Elektroenzephalographie (EEG) misst die elektrische Aktivität des Gehirns an der Kopfhaut mit sehr hoher zeitlicher Auflösung (im Millisekundenbereich). Wichtige Marker für die Analyse sind die frontale Alpha-Asymmetrie (FAA), die in der Forschung häufig mit Annäherungsmotivation und positivem Affekt assoziiert wird [7]. Ein weiterer etablierter Marker ist das Late Positive Potential (LPP), eine ereigniskorrelierte Potenzialkomponente, die emotionale Evaluation und anhaltende, motivierte Aufmerksamkeit anzeigt [8].

Funktionelle Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS) misst die hämodynamischen Reaktionen (Sauerstoffversorgung) im Gehirn und liefert Informationen über die räumliche Lokalisation der kortikalen Aktivierung. fNIRS ist aufgrund seiner relativen Portabilität besonders nützlich für die Consumer Neuroscience, um die Aktivität in den zuvor genannten präfrontalen Regionen während realistischerer Produkterlebnisse abzubilden [9].

Periphere Biometrie liefert ergänzend zur kortikalen Aktivität wertvolle Hinweise auf die Aktivierung des autonomen Nervensystems. Die elektrodermale Aktivität (EDA) misst Veränderungen im Hautleitwert, die direkt mit der Erregung (Arousal) des sympathischen Nervensystems korrelieren [10]. Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) und die automatisierte Analyse von Gesichtsausdrücken (Facial Expression Analysis, FEA) erfassen zusätzliche Dimensionen der emotionalen Reaktion, wobei die FEA insbesondere Hinweise auf die Valenz der Emotion geben kann [11].

Maschinelles Lernen wird zunehmend eingesetzt, um diese komplexen, hochdimensionalen Datensätze zu integrieren. Studien, die maschinelles Lernen auf multimodale biometrische Daten (z. B. eine Kombination aus EDA und FEA) anwenden, berichten von Klassifikationsgenauigkeiten von über 80 % bei der Vorhersage von Konsumentenpräferenzen [12]. Es muss jedoch wissenschaftlich einschränkend beachtet werden, dass solche prädiktiven Modelle auf statistischen Korrelationen basieren und keine direkten kausalen Mechanismen für das subjektive Erleben von Glück belegen.

Forschungsplattformen wie das Mangold Observation Studio sind genau für diese Art multimodaler Datenerhebung konzipiert – sie synchronisieren EEG, fNIRS, EDA, Eye Tracking und Videoaufzeichnung in einer integrierten Umgebung, was die Voraussetzung für die oben beschriebenen modalitätsübergreifenden Analysen ist.

Man with EEG headband and biometric sensors reading a tablet in a chair

Customer Experience neu gedacht: Wie emotionale Muster Käufe vorhersagen

Eine wesentliche methodische Einschränkung traditioneller Befragungsmethoden ist ihre statische Natur. Eine Umfrage am Ende eines Erlebnisses erfasst lediglich eine retrospektive, kognitiv überformte Momentaufnahme. Emotionale Reaktionen sind jedoch inhärent dynamisch. Eine aktuelle empirische Studie im Journal of Business Research untersuchte die Dynamik der emotionalen Erregung während eines realen Einkaufserlebnisses [13].

Die Forscher nutzten mobile EDA-Sensoren, um die physiologische Erregung der Kunden in Echtzeit kontinuierlich zu verfolgen. Die Ergebnisse zeigten, dass nicht der einfache Durchschnittswert der Erregung, sondern spezifische dynamische Muster das anschließende Annäherungsverhalten (z. B. Kaufbereitschaft, ungeplante Ausgaben) vorhersagten:

  1. Der Höhepunkt der Erregung (Peak Arousal): Das höchste Erregungsniveau, das während des gesamten Erlebnisses erreicht wurde, hatte einen signifikanten prädiktiven Einfluss. Dies liefert physiologische Evidenz, die im Einklang mit der von Kahneman beschriebenen psychologischen Peak-End-Regel steht [14].
  2. Die Verteilung der Erregung: Die statistische Schiefe der Erregungsverteilung – d. h. ob die Kunden überwiegend niedrige oder punktuell hohe Erregungszustände erlebten – war ebenfalls ein signifikanter Prädiktor für das Kaufverhalten [13].

Diese empirischen Erkenntnisse deuten stark darauf hin, dass die gezielte Gestaltung der zeitlichen „emotionalen Reise” eines Kunden – mit entsprechend orchestrierten physiologischen Höhen und Tiefen – verhaltensrelevanter sein könnte als der Versuch, einen konstanten, moderaten Zustand der Zufriedenheit zu maximieren.

Woman selecting products at a grocery store shelf

Wo liegen die Grenzen der Glücksmessung? Ethik und Kultur

Die technologische Fähigkeit, emotionale Korrelate präzise zu messen, geht mit erheblicher ethischer und regulatorischer Verantwortung einher. Die gesellschaftliche und juristische Debatte über die Ethik der automatisierten Emotionserkennung ist hochaktuell. Der Artificial Intelligence Act (AI Act) der Europäischen Union, der im August 2024 in Kraft trat, verbietet explizit den Einsatz von KI-Systemen zur Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen. In anderen kommerziellen Kontexten werden solche biometrischen Systeme häufig als Hochrisiko-Anwendungen eingestuft, die strengen Transparenz- und Dokumentationspflichten unterliegen [15]. Die primären wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bedenken betreffen Datenschutz, das Potenzial für unbewusste Manipulation und algorithmischen Bias.

Darüber hinaus muss aus psychologischer Sicht betont werden, dass Glück kein universelles, kulturfreies Konstrukt ist. Die kulturvergleichende Forschung zeigt signifikante kulturelle Unterschiede in der Definition, Bewertung und dem normativen Ausdruck von Glück. Während individualistische Kulturen (z. B. in Nordamerika) oft hoch erregte, positive Emotionen betonen und anstreben, legen kollektivistische Kulturen (z. B. in Ostasien) tendenziell mehr Wert auf ruhige Zufriedenheit und soziale Harmonie [16]. Eine standardisierte „One-Size-Fits-All”-Messung von Glücksindikatoren ist daher stark anfällig für kulturelle Verzerrungen und kann zu invaliden Schlussfolgerungen führen, wenn der kulturelle Kontext nicht in das Analysemodell integriert wird.

Wissenschaftlicher Vorbehalt zur Validität

Methodiker betonen konsequent, dass keine biometrische Methode eine hundertprozentige Konstruktvalidität für subjektive Emotionen aufweist. Jeder biometrische Indikator (wie EDA oder EEG-Asymmetrie) ist lediglich ein physiologisches Korrelat, kein direkter, unfehlbarer Beweis für ein spezifisches subjektives Gefühl. Die Interpretation von Biometrie-Daten muss stets kontextabhängig erfolgen und alternative Erklärungen für physiologische Erregung (z. B. kognitive Anstrengung oder Stress statt Freude) rigoros prüfen.

Two men evaluating consumer products in a retail setting

Wie sieht die Zukunft der Product Experience aus? Von der Messung zum Design

Das wachsende Verständnis der neurobiologischen Korrelate positiven Affekts ermöglicht einen methodischen Paradigmenwechsel im Marketing: von einem reaktiven Ansatz (nachträgliche Kundenbefragung) hin zu einem proaktiven, physiologisch informierten Design. Wenn empirisch fundiert verstanden wird, welche spezifischen Designelemente, Interaktionen oder sensorischen Reize verlässlich neuronale Muster der Freude auslösen, können Erlebnisse systematisch so gestaltet werden, dass sie das Wohlbefinden der Nutzer fördern.

Die potenziellen Anwendungsfelder dieser evidenzbasierten Gestaltung sind vielfältig, und Werkzeuge wie das Mangold Observation Studio liefern die laboratorische Infrastruktur, um diese Art von Forschung systematisch und reproduzierbar durchzuführen:

  • Produktdesign: Evidenzbasierte Entwicklung von Produkten, deren physische und funktionale Eigenschaften messbar hedonisch ansprechend wirken.
  • User Experience (UX): Gestaltung digitaler Schnittstellen, deren Interaktionsdesign nachweislich intuitive Freude (Positive Affect) induziert, anstatt lediglich kognitive Reibungsverluste (Frustration) zu minimieren.
  • Werbewirkungsforschung: Kreation und Pre-Testing von Kampagnen auf ihre Fähigkeit, authentische und verhaltensrelevante physiologische Erregungsmuster hervorzurufen.
  • Service Design: Gestaltung von physischen Kundenerlebnissen mit einer emotionalen Dramaturgie, die messbare physiologische Höhepunkte (Peak Arousal) an den strategisch richtigen Kontaktpunkten schafft.
Family with child shopping in a supermarket with a cart

Fazit: Auf dem Weg zu einem evidenzbasierten, empathischen Markt?

Die Operationalisierung und Messung von Konsumentenglück mittels Consumer Neuroscience und Biometrie führt die Disziplin weg von der alleinigen Abhängigkeit von eindimensionalen, retrospektiven Zufriedenheitsskalen. Sie eröffnet den Weg zu einem dynamischen, multimodalen und physiologisch fundierten Verständnis affektiver Reaktionen. Die methodische Kombination aus kognitiven Neurowissenschaften, peripherer Biometrie und fortschrittlichem maschinellem Lernen bietet Werkzeuge von bisher unerreichter zeitlicher und prädiktiver Präzision.

Der eigentliche wissenschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt liegt jedoch in der Haltung, mit der diese Werkzeuge angewendet werden. Das primäre Ziel sollte nicht die lückenlose physiologische Vermessung der Konsumenten zur reinen Profitmaximierung sein, sondern ein tieferes, empirisch fundiertes Verständnis der menschlichen Erfahrung im Konsumkontext. Es geht darum, evidenzbasierte Empathie in den Designprozess zu integrieren und Produkte sowie Dienstleistungen zu schaffen, die nicht nur funktionale Marktbedürfnisse erfüllen, sondern einen messbaren, positiven Beitrag zum menschlichen Wohlbefinden leisten – unter strikter Wahrung ethischer und kultureller Grenzen.

Close-up of a woman wearing an EEG headband during a study

FAQ - Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Hedonie und Eudaimonie in der Glücksforschung?
Hedonie beschreibt das unmittelbare Erleben von Freude, Vergnügen und Befriedigung. Eudaimonie bezeichnet ein tieferes Gefühl von Sinnhaftigkeit, Engagement und Selbstverwirklichung. Obwohl konzeptionell unterscheidbar, überlappen beide stark: Etwa 80 % der Personen mit hoher hedonischer Zufriedenheit berichten auch von hoher eudaimonischer Erfüllung.
Welche Hirnregionen sind an der hedonischen Verarbeitung beteiligt?
Der orbitofrontale Kortex (OFC) kodiert subjektive Belohnung und Angenehmheit, der Frontalpol erhält einen anhaltenden hedonischen Tonus, der mediale präfrontale Kortex verarbeitet Zufriedenheit und Selbstevaluation, und der dorsolaterale präfrontale Kortex moduliert Emotionen kognitiv. Diese Schaltkreise werden sowohl durch sensorische als auch durch abstrakte Freuden aktiviert.
Welche biometrischen Methoden nutzt die Consumer Neuroscience zur Glücksmessung?
Zu den Kernmethoden gehören EEG (frontale Alpha-Asymmetrie und Late Positive Potential), fNIRS (präfrontale hämodynamische Reaktionen), elektrodermale Aktivität (EDA) zur Messung sympathischer Erregung, Herzfrequenzvariabilität (HRV) sowie Gesichtsausdrucksanalyse (FEA). In Kombination via maschinellem Lernen werden Vorhersagegenauigkeiten von über 80 % erreicht.
Warum sagen Peak Arousal und Erregungsverteilung das Kaufverhalten besser voraus als Durchschnittswerte?
Forschungsergebnisse zeigen, dass das höchste während eines Erlebnisses erreichte Erregungsniveau (Peak Arousal) sowie die statistische Schiefe der Erregungsverteilung stärkere Prädiktoren für Kaufentscheidungen sind als die mittlere Erregung. Dies stimmt mit Kahnemans Peak-End-Regel überein: Die emotionale Reise – mit ihren Höhen und Tiefen – ist wichtiger als ein gleichbleibender Glückszustand.
Welche ethischen und kulturellen Grenzen bestehen bei der Emotionsmessung im Marketing?
Der EU AI Act (2024) verbietet explizit den Einsatz von KI zur Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen und stuft kommerzielle Anwendungen als Hochrisiko ein. Darüber hinaus ist Glück kulturell variabel: Individualistische Kulturen bevorzugen hocherregte positive Emotionen, kollektivistische Kulturen schätzen eher ruhige Zufriedenheit. Werden diese Unterschiede ignoriert, entstehen verzerrte und invalide Messergebnisse.
Wie können neurobiologische Erkenntnisse die Produkt- und UX-Gestaltung verbessern?
Ein Verständnis davon, welche Designelemente hedonische Hirnschaltkreise aktivieren, ermöglicht proaktives, evidenzbasiertes Design: Produkte mit messbarem hedonischem Reiz, digitale Schnittstellen, die echte Freude erzeugen statt nur Frustration zu reduzieren, Kampagnen mit authentischen Erregungsreaktionen sowie Serviceerlebnisse mit gezielt platzierten emotionalen Höhepunkten.

Mangold Observation Studio

Die fortschrittliche Software-Suite für anspruchsvolle sensorgestützte Beobachtungsstudien mit umfassenden Datenerfassungs- und Analysefunktionen.

Mangold Observation Studio Software running on MacBook

Referenzen

[1] Market.us. (2024). Global NeuroMarketing Market Size, Share & Trends Analysis Report. https://market.us/report/neuromarketing-market/

[2] Bazzani, A., Ravaioli, S., Trieste, L., Faraguna, R., & Turchetti, G. (2020). Is EEG Suitable for Marketing Research? A Systematic Review. Frontiers in Psychology, 11, 594566. https://doi.org/10.3389/fnins.2020.594566

[3] Huta, V., & Ryan, R. M. (2010). Pursuing pleasure or virtue: The differential and overlapping well-being benefits of hedonic and eudaimonic motives. Journal of Happiness Studies, 11(6), 735–762. https://doi.org/10.1007/s10902-009-9171-4

[4] Berridge, K. C., & Kringelbach, M. L. (2011). Building a neuroscience of pleasure and well-being. Psychology of Well-Being, 1(1), 1–3. https://doi.org/10.1186/2211-1522-1-3

[5] Waterman, A. S. (1993). Two conceptions of happiness: Contrasts of personal expressiveness (eudaimonia) and hedonic enjoyment. Journal of Personality and Social Psychology, 64(4), 678–691. https://doi.org/10.1037/0022-3514.64.4.678

[6] Kringelbach, M. L. (2005). The human orbitofrontal cortex: linking reward to hedonic experience. Nature Reviews Neuroscience, 6(9), 691–702. https://doi.org/10.1038/nrn1747

[7] Allen, J. J. B., Keune, P. M., Schönenberg, M., & Nusslock, R. (2017). Frontal EEG alpha asymmetry and emotion: From neural underpinnings and methodological considerations to psychopathology and social cognition. Psychophysiology, 55(1), 38–50. https://doi.org/10.1111/psyp.13028

[8] Dennis, T. A., & Hajcak, G. (2009). The late positive potential: a neurophysiological marker for emotion regulation in children. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 80(5), 1120–1133. https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.2009.01321.x

[9] Krampe, C., Gier, N. R., & Kenning, P. (2018). The Application of Mobile fNIRS in Marketing Research-Detecting the “First-Choice-Brand” Effect. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 434. https://doi.org/10.3389/fnhum.2018.00434

[10] Caruelle, D., Gustafsson, A., Shams, P., & Lervik-Olsen, L. (2019). The use of electrodermal activity (EDA) measurement to understand consumer emotions–A literature review and a call for action. Journal of Business Research, 104, 146–160. https://doi.org/10.1016/j.jbusres.2019.07.007

[11] Kakaria, S., Bigné, E., & Catala, A. (2023). Heart rate variability in marketing research: A systematic review and methodological perspectives. Psychology & Marketing, 40(12), 2465–2484. https://doi.org/10.1002/mar.21734

[12] Marques, J. A. L., et al. (2025). Predicting consumer ad preferences: Leveraging a machine learning approach for EDA and FEA neurophysiological metrics. Psychology & Marketing. https://doi.org/10.1002/mar.22118

[13] Caruelle, D., Shams, P., Gustafsson, A., & Lervik-Olsen, L. (2024). Emotional arousal in customer experience: A dynamic view. Journal of Business Research, 170, 114344. https://doi.org/10.1016/j.jbusres.2023.114344

[14] Kahneman, D. (1999). Objective happiness. In D. Kahneman, E. Diener, & N. Schwarz (Eds.), Well-being: The foundations of hedonic psychology (pp. 3–25). Russell Sage Foundation.

[15] European Union. (2024). Regulation (EU) 2024/1689 of the European Parliament and of the Council laying down harmonised rules on artificial intelligence (Artificial Intelligence Act). Official Journal of the European Union. https://artificialintelligenceact.eu/

[16] Diener, E., Oishi, S., & Lucas, R. E. (2003). Personality, culture, and subjective well-being: emotional and cognitive evaluations of life. Annual Review of Psychology, 54, 403–425. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.54.101601.145056